Martin Hübner: „Also eine 15 Sekunden Sache, das fetzt nicht!“

InterviewMartin Hübner: „Also eine 15 Sekunden Sache, das fetzt nicht!“

Martin Hübner hat viele Eisen im Feuer: Live-Musiker, Filmmusik und mit Clueso die Clubs rocken. Wir haben mit dem Erfurter Produzent und DJ über seine Vielseitigkeit und Entwicklung gesprochen.

Martin Hübner: „Also eine 15 Sekunden Sache, das fetzt nicht!“Foto: Martin Hübner

"Don´t be Broken": Neue Single

Beats Radio: Deine neue Single „Don't Be Broken“ steht in den Startlöchern. Die Beats Radio Hörer konnten sie schon eine Woche vorab exklusiv bei uns im Radio hören. Der Track klingt sommerlich und verträumt – war das als Sommerhit geplant? 

Martin Hübner: Ich habe beim Produzieren tatsächlich auch Sommervibes gespürt. Mit der Aussage Don't be broken, also Lass den Kopf nicht hängen, ist es eigentlich schön, mit einem Sommergefühl reinzugehen. Man kann ja trotzdem feiern, obwohl es vielleicht gerade nicht so gut läuft.  

"Don´t be Broken" - Martin Hübner
Foto: Martin Hübner
"Don´t be Broken" - Martin Hübner

Wenn du jetzt jemandem, der gar keine Ahnung von elektronischer Musik hat, Deinen Musikstil erklären würdest: Wie würdest du ihn beschreiben? 

Martin Hübner: Also ich würde meine Musik als organische elektronische Musik beschreiben. Ich lege immer einen Fokus darauf, nicht ganz elektronisch zu wirken, so dass immer ein Element dabei ist, bei dem man sagt: Das könnte wirklich jemand gespielt haben. Mir ist es wichtig, dass diese zwei Welten aufeinandertreffen und es nicht ganz klar nach Maschine klingt, obwohl ich das auch ein bisschen mag. Aber der Transport für den Hörer ist für mich immer wichtig: Oh, da ist auch eine Orgel drinnen oder da ist eine Gitarre oder ähnliches. Das finde ich persönlich ganz gut. 

Erzähl mal: Wie bist Du zur Musik gekommen? 

Martin Hübner: Mein Bruder (Thomas Hübner bekannt als Clueso) hatte Gitarrenunterricht und ich fand's irgendwie doof. Ich bin da einmal mit, aber die Lehrerin war alt und ich fand das alles so altbacken. In der Zeit hatte ich aber schon meinen ersten Computer, meinen Amiga, bei dem ich entdeckt habe, dass man damit auch Musik machen kann. Und damit waren quasi die ersten Berührungen gegeben, die nichts mit Instrumenten oder Ähnlichem zu tun hatten – eine ganz andere Art, Musik zu machen. Und so fing das dann an. Mein Bruder und ich sind dann beide auch zum Hip-Hop übergegangen – in den 90ern war das ja ganz groß und da hat man halt mit alten Platten von den Eltern angefangen zu sampeln und damit zu spielen und die ersten Beats zu produzieren. Und so fing das an und blieb eigentlich seitdem immer konstant, natürlich mit Weiterentwicklung. 

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Clueso als Bruder – „Es gab auch oftmals Reibereien“

Während Deiner Hip-Hop Phase hast du dich auch noch Mr. Kato genannt. Wie kam es dann zu diesem Umschwung, dass du jetzt gesagt hast: Ne, also ich will aber jetzt mit meinem normalen Namen spielen, wenn ich elektronische Musik mache? 

Martin Hübner: Naja, das lag eher daran, dass es Mr. Kato jetzt wirklich schon 20 oder 25 Jahre lang gab. Die Idee vom Namen Mr. Kato kam ja von dem Film „Der Rosarote Panther“. Darin lebt Inspector Clouseau (nach dem sich mein Bruder benannt hat), mit seinem Partner Mr. Kato, in einer WG. Und die beiden haben sich halt die ganze Zeit geprügelt. Und dadurch, dass Clueso und ich Geschwister sind und es auch oftmals Reibereien gab, lag es irgendwie so auf der Hand, dass ich mich dann Mr. Kato nenne. Aber nachdem ich dann 2017 angefangen habe, eine neue Musikrichtung auszuprobieren, lag es nahe, auch einen anderen Namen zu nehmen. Und da hab ich dann eben gesehen, dass ob Jan Blomqvist oder Ben Böhmer oder wie sie alle heißen, alle ihren eigenen Namen auf der Bühne nehmen. Da lag es eigentlich auf der Hand, das auch so zu machen. 

Popmusik trifft auf Underground 

Du hattest bei vielen Hits von Clueso wahrscheinlich auch Deine Finger mit im Spiel. Macht Ihr da als Brüder immer alles zusammen?  

Martin Hübner: Das ist jetzt nicht bei jedem Track so. Also er probiert ja auch Ideen mit anderen Künstlern aus. Da halte ich mich dann eher zurück, weil sonst einfach zu viele durcheinander reden und ihre Meinung sagen. Dann kann es aber natürlich auch sein, dass ich als Bruder, der wirklich ehrliche Kritik gibt, die Tracks höre und sage: „Ja, ist cool.“ oder eben auch mal im Witz: „Nee, den habe ich aus Versehen gelöscht. “Grundsätzlich ist die Zusammenarbeit interessant, weil ich mehr im Underground-Bereich tätig bin und er ist eher im Popgeschehen. Da gibt es auch Zeiten, wo es nicht zusammenpasst. Aber wenn man dann in einer kreativen Phase ist, dann ist es schön, wenn beide Musikstile quasi aufeinandertreffen – wenn Popmusik auf Underground trifft und umgedreht. Da kommt immer was Interessantes bei raus. 

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Ihr beide legt zusammen als DJ-Team in Clubs auf. Wie sieht das aus? 

Martin Hübner: Das gemeinsame Auflegen kam während der Coronamaßnahmen zustande. Das begann in einem Stream, wo wir uns ausprobiert haben und erst einmal überlegten, was wir denn spielen. Am Ende war die Idee von mir, dass ich es krachen lasse, also man sehr stark nach vorne geht: mit Tech-House und Melodic-Techno, deren Monotonie man mit Songs aufbricht, die man kennt. Also ob das jetzt Sting ist oder eben ein Clueso-Remix – also man einfach wirklich harten Techno hat, der gebrochen wird mit bekannten Popnummern. Das war die Idee, die dann auch super aufging, so dass wir dann verschiedene Angebote bekommen haben.  

Und ihr wechselt euch am DJ-Pult ab? 

Martin Hübner: Ja, eigentlich ganz genau so. Es ist eine Art Ping Pong und das heißt, er hat Ideen direkt live, wo er sagt: „Ich hätte jetzt gern nen Deichkind drin.“ Und dann versuche ich das natürlich direkt umzusetzen, soweit ich es kann. Im Grunde ist es eigentlich den Club zu spüren und mal spielt er etwas länger, mal ich etwas länger. Aber eigentlich bedarf es dabei gar keiner Absprache, sondern das geht flüssig über.

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Nervt es Dich eigentlich, wenn du in Interviews nach deinem Bruder gefragt wirst oder Leute so tun, als würdest du vielleicht im Schatten von ihm stehen?  

Martin Hübner: Also mittlerweile gehe ich da entspannt dran, weil es ist ja nun mal nicht mehr wegzudenken. Am Anfang hat es mich schon gestört, weil ganz einfach das Ego denkt: Ich mache ja auch eigene Musik. Da habe ich mich auch lange gesträubt, mit ihm so in der Öffentlichkeit zu stehen und irgendwas zu machen. Aber mittlerweile stehe ich total hinter mir selbst und dem, was ich mache, dass ich sage: Es ist cool und die Situation lässt sich ja auch nicht ändern. Also er ist ja da und ich bin auch da. Also: Nein, es stört mich gar nicht mehr solche Fragen.

„Musik ist so schnelllebig geworden, dass ich immer mal zu anderen Genres rüber gucke.“

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Jeder Track von dir klingt anders. Versuchst du dich da auch immer neu zu erfinden? 

Martin Hübner: Das ist eine wirklich gute Frage, weil das war wirklich sehr lange bei mir ein großes Problem, auf einer Linie zu bleiben – mal juckt mich Reggae, dann juckt mich wieder Drum'n'Bass oder dann wieder Hip Hop. Das ist dann schwierig unter einen Hut zu kriegen, weil jede Musikrichtung für mich immer irgendetwas spannend hat, was ich gerne ausprobieren möchte. Musik ist mittlerweile so schnelllebig geworden, dass sich elektronische Musik jedes Jahr ändert, weshalb ich immer mal zu anderen Genres rüber gucke. Durch dieses Probieren fühle ich mich frei, wodurch eben eine gewisse Weiterentwicklung stattfindet. Aber ich konzentriere mich mittlerweile schon immer mehr auf verschiedene Genres, also fünf Tracks von der einen Musikrichtung und fünf von einer anderen. Und da sind auch echt noch viele bislang unveröffentlichte Tracks auf meiner Festplatte. 

Du arbeitest auch mit vielen verschiedenen Jazz-, Pop-, oder Reggae- Künstlern zusammen. Was hat das für Vorteile? 

Martin Hübner: Das hat für mich auf jeden Fall sehr große Vorteile, dass ich ja keine musikalische Ausbildung genossen habe. Also bei mir läuft ja alles aus dem Bauch raus. Ich kann jetzt nicht sagen, ob das jetzt die Note fis oder Ähnliches ist – ich weiß das nicht. Wenn man dann mit Musikern arbeitet, die das studiert haben, bekommt man ganz andere Wege hin – also eben unabhängig von Samples oder ähnlichem. Die Musiker spüren etwas und können sofort, ohne jetzt wie ich lange zu suchen, etwas drüberlegen. Das ist auf jeden Fall eine coole Art, deswegen arbeite ich sehr gerne mit Musikern zusammen.

„Songs werden einzeln veröffentlicht, da man eine stetige Aufmerksamkeit braucht.“

Jetzt machst du ja schon seit Deiner Kindheit Musik. Wie hat sich in dieser Zeit in der Musikbranche verändert? 

Martin Hübner: Das ist eine sehr umfangreiche Frage. Ich glaube, wenn man so lange Musik macht, merkt man, dass alle zehn Jahre ein gravierender Schnitt in der Musikindustrie stattfindet. Also das fängt an mit dem Wegfall der CD, mit Einführung der Spotify Ära und digitalen Ära und jetzt ist wieder eine neue Zeit, in der KI ins Spiel kommt. Es bleibt also spannend, aber es hat sich, auf jeden Fall Einiges geändert. Also mir ist es natürlich immer noch lieber, eine Platte oder ein Album zu machen, aber in haptischer Form geht es halt nur noch auf Vinyl. Ein CD-Laufwerk ist heutzutage weder im Auto noch im Computer vorhanden, daher fällt das Medium auf jeden Fall weg. Außerdem ist es in Zeiten von Followern & Likes einfach anders: Songs werden einzeln veröffentlicht, da man eine stetige Aufmerksamkeit braucht. Das hat sich geändert.  

Häufig hat man da das Gefühl, dass es nur noch darum geht, die perfekten 15 Sekunden für das nächste Social Media Video zu kreieren. Und oft kennt man ja dann auch nur diese Sounds von den Reels oder den TikToks und der restliche Track ist irgendwie schon fast egal. Wie empfindest du das als Produzent?  

Martin Hübner: Also ich finde es auf der einen Seite spannend, mit diesen Algorithmen zu spielen. Auf der anderen Seite ist es gar nicht meins: Das ist so wie DJ, der im Club versucht, nur die Highlights mehrere Songs ineinander zu verschachteln, damit Leute quasi tranceartig um das Feuer tanzen – das geht dann natürlich weg von dem, was ich mag. Also eine 15 Sekunden Sache, das fetzt nicht! Man kann damit nichts erzählen, man kann es nur komprimieren. Es ist ähnlich, wie der Unterschied zwischen einer Wave-Datei und einer MP3-Datei hat. Es ist halt stark komprimiert auf das Thema, drei Töne, vielleicht einen coolen Synthie und dann ist es auch schon vorbei.  Produzent, DJ, Live Act und Filmkomponist

Du bist nicht nur als klassischer DJ, sondern auch als Live Act mit dem Projekt „Mikroelektro“ unterwegs. Warum trittst du da nicht mit dem Namen Martin Hübner auf?  

Martin Hübner: Die Idee von Mikroelektro gab es schon viel früher als die Idee, als Martin Hübner aufzutreten. Dieses leidige Streitthema, das nun vorbei ist, zwischen Vinyl und Digital und Sync Button – das ging mir dann irgendwie so auf den Keks, dass ich gesagt habe: Okay, ich habe jetzt eine Möglichkeit mit Technologie, auch mal mit Trompete, Gitarre oder Keyboard zu arbeiten, indem ich einfach Tracks auf das Instrument stimmen kann, ohne dass das Instrument sich auf die Platte stimmen muss. Damit wurde der Name geboren: Mikroelektro, also Mikrofon und Elektro. Früher, als alle noch mit drei, vier Plattenkisten ankamen und ich dann der Erste war, der eben mit Traktor, Serato oder ähnlichem aufgelegt hat – da war es ein bisschen Rebellentum, einen Gastmusiker einzuladen. Martin Hübner sehe ich ja eher in den Clubs, wo es laut ist und wo es auch relativ zügig oder brachial zugehen kann. Mikroelektro ist eben eine ganz kleine, loungige Nummer. Das passt besser in eine Mischung zwischen Bandlounge und Hotellobby - also eher chillig.  

So wie Dein Jazz-Projekt? 

Martin Hübner: Ja, das trifft eigentlich ziemlich den Nerv von euch. Das ist schon Musik, die man auf Beats Radio hört, kombiniert mit Jazz. Also ich nehme dann einfach ne Lücke von einem coolen Song, der mir gut reingeht und loope das und lasse dann den Musiker quasi den Song neu aufleben. Das macht mir halt besonders Spaß, weil auch wirklich sehr viele gute Songs draußen sind, mit denen man spielen kann und dabei auch gleichzeitig wieder lernt: Was für Harmonien sind gerade angesagt? Welcher Stil kommt gut an? Gepitchte Stimme oder nicht? Also da gibt es immer viele Wege und das dann eben mit Jazz zu kombinieren, macht besonders Spaß.  

Du bist neben der elektronischen Musik auch als Filmkomponist tätig.

Martin Hübner: Ja, ich habe schon immer Tracks dabei gehabt, wo Cello gespielt wird oder man so ein kleines Hans Zimmer Feeling hat. Das mag ich sehr und es hat sich über meinen Bruder ergeben, der quasi den Fuß in der Tür hatte, für einen deutschen Film, einen Soundtrack zu schreiben. Und da bekommt man natürlich mal so mit, wie so etwas funktioniert, wie so was abgemischt wird. Das ist ja nochmal ein ganz anderes und neues Spektrum, das interessant ist. Da lernt man eben mit musikalischen Themen umzugehen – also man hat ein Thema und kann das variieren, was auch in der elektronischen Musik eben durch Remixe ständig weitergeführt wird. Das ist total interessant.  

Noch eine abschließende Frage: In einem Satz – Was bedeutet Musik für dich?  

Martin Hübner: Alles!

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